Gebrochene Linien
Autobiographisches Schreiben und Lagerzivilisation

LiteraturForschung Bd. 5
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2007, 292 Seiten
ISBN 978-3-86599-035-8

Die Suche nach einem Sinnzusammenhang des eigenen Lebens über alle Biographie- und Epochenbrüche hinweg gehört zu den existentiellen Grundbedürfnissen des Menschen, die sich selbst durch Repressionen nicht unterdrücken lassen. Wer in der Sowjetunion geblieben war, Revolution, Kriege, Terror, GULAG oder Verbannung überlebt hatte, lebte in einer Gesellschaft, in der das Sprechen über die Gewaltpraktiken, auf denen die Sowjetordnung beruhte, jahrzehntelang tabuisiert blieb. Kehrseite des auferlegten Schweigens und eines der Hauptinstrumente, um den Menschen zu disziplinieren, war der permanente Zwang zu ritualisierten Selbstaussagen. Gegenstand der Studien sind ausschließlich Erinnerungstexte (u.a. von Evgenija Ginzburg und Andrej Sinjavskij), die in der Sowjetunion verfaßt wurden. Untersucht werden die Beziehungen zwischen den Kulturpraktiken der Subjektformierung, dem normierten sowjetischen Biographiemuster und alternativen ästhetischen Verfahren autobiographischen Schreibens. Ein Ziel der Textanalysen besteht darin, eine stärkere Situierung der russischen Autobiographik in der europäischen Debatten über Gedächtnis, Zeugenschaft und die narrativen Möglichkeiten von Selbstthematisierung nach „Auschwitz“ bzw. nach dem GULAG zu befördern.

Medienecho

02.04.2010
Jenseits des Menschlichen. Nur aus erster Hand?

Überlegungen zu Herta Müllers Buch »Atemschaukel« und der Zeugenschaft in der Lagerliteratur. Artikel von Ulrike Baureithel u.a. über Warlam Schalamows »Erzählungen aus Kolyma« (hg. v. Franziska Thun-Hohenstein) und Franziska Thun-Hohensteins »Gebrochene Linien. Autobiographisches Schreiben und Lagerzivilisation« (Reihe LiteraturForschung Band 5), in: Der Freitag vom 02.04.2010