Sowjetisches Dissidententum und Öffentlichkeit zur Zeit der Ent- und Re-Stalinisierung

Die Geschichtsschreibung der sowjetischen Dissidentenbewegung setzt üblicherweise Ende der 1960er Jahre ein und konzentriert sich auf die Wendepunkte, an denen sowjetische Bürger*innen öffentlich zu protestieren begannen. Die hier vorgestellten Untersuchungen nehmen eine andere Perspektive ein, indem sie die allmähliche Entwicklung von sozialen Verhaltensweisen seit dem Übergang zum Poststalinismus erforschen, z.B. das Verhalten bei öffentlichen Versammlungen, im schriftlichen Verkehr mit den Behörden oder mit sowjetischen sowie westlichen Journalist*innen, Politiker*innen aus dem Westen usw. Staatliche Öffentlichkeit und dissidente Gegenöffentlichkeit werden vor diesem Hintergrund nicht als vorgängige Gegensätze betrachtet, sondern es wird analysiert, wie diese sich in der juristischen und publizistischen Auseinandersetzung überhaupt erst konstituieren und welche Praktiken und Diskurse dazu beitragen.

Aktuell geschieht dies in unterschiedlichen Formaten: The Dissident Library, dem Archivseminar Buchwurm und einem Projekt zu den Gerichtsaufzeichnungen im Prozess gegen Joseph Brodsky.

Das Projekt wurde von April bis September 2022 mit einem Memory-Work-Stipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen gefördert.

 

Abb. oben: Russische Samisdat-Publikationen und Fotonegative von inoffizieller Literatur in der UdSSR, © Nkrita, Moskau 2017, Lizenz CC BY-SA 4.0, Quelle: Wikimedia.

Oktober 2022–März 2023 gefördert aus Mitteln des ZfL und aus dem Matching-Fonds der Leibniz-Gemeinschaft für Unterstützungsleistungen für gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Ukraine-Krieg
seit April 2022
Leitung: Olga Rosenblum

Teilprojekte

The Dissident Library

seit 2021

The Dissident Library verfolgt das Ziel, sich aktiv in die Fachdiskussion über die sowjetische Dissidentenbewegung einzubringen und deren Forschungsfragen, methodologische Anliegen und Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Projekt besteht aus einer ursprünglich für die mittlerweile aufgelöste russische Menschenrechtsorganisation Memorial konzipierten Online-Seminarreihe, die Forscher*innen aus aller Welt miteinander ins Gespräch bringt, sowie kleineren Gesprächsformaten mit einzelnen Autor*innen. Bei der Diskussion mit Zeitzeug*innen (insbesondere Dissident*innen bzw. Verfasser*innen erster Monographien zum Dissidententum aus den 1970er–80er Jahren) liegt der Schwerpunkt auf der Kontextualisierung und Historisierung früherer Forschungen. So entsteht eine digitale Bibliothek des Dissidententums, die – unter Berücksichtigung verschiedener Forschungsperspektiven – Begriffsdefinitionen, Audio- und Videomaterialien sowie Zeitdokumente versammelt.

Buchwurm

gefördert mit einem Memory-Work-Stipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
April–September 2022

Das Archivseminar erarbeitet Kommentare zu offenen Briefen sowjetischer Dissident*innen. In einer autoritären, geschlossenen Gesellschaft haben offene Briefe die Funktion, allgemein zugängliche öffentliche Räume zu schaffen, in denen gesellschaftlich bedeutsame, aber von den offiziellen Medien ausgeschlossene Fragen diskutiert werden können. So berichteten sowjetische Dissident*innen in offenen Briefen, die in Sendungen von Radio Free Europe/Radio Liberty zitiert wurden, beispielsweise von Menschenrechtsverletzungen. Viele dieser Briefe sind heute im Archiv Samizdata zu finden, einer über verschiedene Institutionen weltweit verteilten Sammlung von Dokumenten aus dem inoffiziellen Selbstverlag. Am Archivseminar nehmen Studierende verschiedener Universitäten und Länder teil, deren Kooperation dadurch ermöglicht wird, dass das Seminar online stattfindet.

Zwischen Literatur und Fälschung. Gerichtsaufzeichnungen im Prozess gegen Joseph Brodsky (1964/1965)

gefördert aus Mitteln des ZfL und der Leibniz-Gemeinschaft
Oktober 2022–März 2023

Untersucht wird der Prozess gegen den Schriftsteller Joseph Brodsky (1940–1996), der 1964 in der Sowjetunion wegen ›sozialen Parasitentums‹ zu fünf Jahren Exil verurteilt wurde, nach Interventionen sowjetischer und westlicher Intellektueller jedoch bereits 1965 nach Leningrad zurückkehrte. Der Gerichtsprozess war der erste der poststalinistischen Zeit, bei dem das Publikum alternative Gerichtsaufzeichnungen anfertigte und verbreitete. Eine dieser Aufzeichnungen gelangte in den Westen und machte den Fall Brodsky auch dort bekannt. Ebenso wie die offenen Briefe wird diese Aufzeichnung als eine Form von Journalismus verstanden und in dem Projekt als eine zwischen Literatur und Recht, Prosawerk und Dokument oszillierende Gattung untersucht. Erforscht werden soll, wie die Beteiligten (Angeklagte, Verteidiger*innen, Unterstützer*innen) in intensiver Beschäftigung mit den Institutionen und Vertreter*innen des sowjetischen Rechts eigene juridische Rhetoriken, diskursive Strategien und Kommunikationsformen herausbildeten, um ihren Platz in der Gesellschaft neu zu definieren und den Staat zu zwingen, sich mit den Argumenten und Vorwürfen der Gegenseite auseinanderzusetzen.

Veranstaltungen

Vortrag
05.10.2022 · 14.30 Uhr

Olga Rosenblum: »Sie werden mir verzeihen, dass ich Ihren Namen neben den Aldan-Semjonows gesetzt habe...«: literarische Konnotationen in der Lagerliteratur der ersten Hälfte der 1960er Jahre

Università degli Studi di Milano, Sala Napoleonica, Via Sant’Antonio, 12, 20122 Milano, Italien

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Seminar
15.07.2022 · 15.00 Uhr

The Dissident Library: Kulturraum Lager. Politische Haft und dissidentisches Selbstverständnis in der Sowjetunion nach Stalin

online via Zoom

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Vortrag
12.07.2022 · 16.15 Uhr

Olga Rosenblum: Menschen(rechte) in Russland zu verteidigen – 1960er bis 2020er

Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Neuphilologisches Institut - Lehrstuhl für Literatur und Kultur Russlands, Am Hubland, 97074 Würzburg, Raum: 1.004 (Zentrales HS- und Seminargebäude)

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Vortrag
04.07.2022 · 10.00 Uhr

Olga Rosenblum: Sowjetische Dissidenten in der Auseinandersetzung mit den Behörden: Verteidigung der Menschenrechte als (keine) Politik

Freie Universität Berlin, Osteuropa-Institut, Garystraße 55, Raum 101

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Seminar
24.06.2022 · 15.00 Uhr

The Dissident Library: The Abuse of Psychiatry

online via Zoom

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Vortrag
20.06.2022 · 14.00 Uhr

Olga Rosenblum: Menschenrechte zu verteidigen: zwischen Moral und Politik, zwischen Literatur und Recht, zwischen den 1970ern und 2020ern

Ruhr-Universität Bochum, Universitätsstr. 150, 44801 Bochum, Raum GABF 05/602

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Seminar
31.05.2022 · 17.00 Uhr

The Dissident Library: Non-Conformists. The Ukrainian Intelligentsia in the Dissident Movement, 1960s–1980s

online via Zoom

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Seminar
29.04.2022 · 15.00 Uhr

The Dissident Library: The Oxford Handbook of Soviet Underground Culture

online via Zoom

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