Arendt, Anthropozän, Narrativierung

Im Rückgriff auf Hannah Arendts Konzepte von Erde, Welt und Natalität, ihre Darstellung (und Kritik) der modernen Wissenschaft und Technologie und ihr Verständnis des Erzählens unternimmt das Projekt den Versuch, die Schwierigkeit von Gemeinschaft im Zeitalter des Anthropozäns besser zu verstehen. Mit dem Begriff Anthropozän werden planetare Prozesse gefasst, die das Ergebnis moderner technologisch vermittelter Strukturen des kollektiven Lebens sind, etwa die Erderwärmung oder die weltweite Verbreitung von Mikroplastik, und deren kausale Ursprünge und Abläufe nur mithilfe der Naturwissenschaften aufgedeckt werden können. Diese planetaren Prozesse gefährden die gemeinsame Tat und die architektonischen Strukturen, die für Arendt Voraussetzung sind für ›Welt‹, politische Gemeinschaft und die menschliche Fähigkeit zum Handeln, verstanden als Initiierung von etwas Neuem im Netz menschlicher Beziehungen. Sie sind aber auch selbst Ergebnis der Kanalisierung menschlicher Handlungsfähigkeit in einen technologischen Modus, der neue Prozesse mit unsicherem und unvorhersehbarem Ausgang in Gang setzt.

Wenngleich es die Naturwissenschaften sind, die diese für das Anthropozän emblematischen planetaren Prozesse offenlegen, erlangen diese Prozesse erst durch Narrativierungen, die ihre Beziehung zum Menschen verdeutlichen, eine normative Bedeutung. Wie die aktuellen Debatten in den Geisteswissenschaften zeigen, ist jedoch nicht unmittelbar evident, wie ›das Anthropozän‹ zu ›erzählen‹ ist. Diese Schwierigkeit zeigt sich etwa in der geisteswissenschaftlichen Begriffsdebatte darüber, ob wir diese Ära statt als ›Anthropozän‹ nicht eher als ›Kapitalozän‹ oder als › Plantationozän‹ bezeichnen sollten. Deutlich wird sie zudem an einer These wie der des indischen Schriftstellers Amitav Ghosh, dass die Verpflichtung des realistischen Romans auf die Widerspiegelung der gewohnten bürgerlichen Welt eine Auseinandersetzung mit der Erderwärmung innerhalb dieser Gattung erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht.

Im ersten Teil des Projekts wird eine theoretische Auseinandersetzung mit Arendts Begriffen (insbesondere Erde und Welt) sowie mit ihrer Darstellung der Technologie und der Wissenschaften vorgenommen, um mit Arendt ein Verständnis des Anthropozän zu entwickeln. Im zweiten, eher literaturwissenschaftlich ausgerichteten Teil werden unter Bezugnahme auf Literaturtheoretiker wie Lukács, Ghosh und Pheng Cheah die Herausforderung für das Erzählen und das ›Worlding‹ untersucht, die sich aus der verworrenen Beziehung der beiden von Arendt identifizierten Handlungsformen ergeben.

 

Abb. oben: Industrielle Kunststoffgranulate (sog. »Meerjungfrauentränen«) im Naturschutzgebiet aquitanische Küste, © maldeseine, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

2022–2023
Leitung: Robert Mitchell